Rechtsradikaler Gottseibeiuns

Auf der Suche nach immer neuen „Rechten“, die man als Gefahr für das Einheitsdenken hinstellen und bekämpfen kann, gibt es immer kuriosere Funde. Kürzlich war es der im September 2016 aus dem Leben geschiedene Rolf Peter Sieferle … der doch in der rechten Denkens unverdächtigen Süddeutschen Zeitung von Gustav Seibt mit einem fulminanten Nachruf „Der Unerschrockene“ gewürdigt wurde.

Wie ein kluger anerkannter Gelehrter zu einem rechtsradikalem Nazi abgestempelt wurde, betrachtet Vera Lengsfeld auf ihrem Blog:

Ein halbes Jahr später kann man den Text noch aufrufen, er ist aber mit dem Kommentar versehen worden, dass der Nachruf vor Sieferles posthumen Schriften entstanden sei. Liest man den Text, findet man bald heraus, dass Sieferles Hauptthesen seiner nachgelassenen Schriften dem Nachrufschreiber bekannt waren, aber offensichtlich nicht als „rechts“ und deshalb gefährlich erkannt wurden: Die Masseneinwanderung birgt die reale Gefahr der Retribalisierung unserer emanzipatorischen Zivilgesellschaft, wie sie sich in den letzten 200 Jahren entwickelt hat. Der Sozialstaat und offenen Grenzen schließen auf die Dauer einander aus. 

Mich interessierte, wie aus einem von den Linken und der Regierung hochgeschätzten Klimaschützer, der kluge Argumente für den Ausstieg aus der Steinkohle geliefert hat, der rechtsradikale Gottseibeiuns werden konnte, vor dem in allen Qualitätsmedien fast hysterisch gewarnt wurde. Sieferles vorläufig letztes Werk, er soll noch mehr Zündstoff wohlgeordnet in seinem Rechner hinterlassen haben, ist in einem Verlag erschienen, der auf der schwarzen Liste der Politisch Korrekten steht. Schon die bloße Veröffentlichung in diesem Haus genügt, um aus der Gemeinschaft der Inhaber der einzig wahren Gesinnung ausgeschlossen zu werden.

Diese Gefahr schien Sieferle bewusst gewesen zu sein. An eine Veröffentlichung des bereits 2015 fertig gestellten Textes hat er wohl nicht gedacht. Ihm war, wie Raimund Th. Kolb in seinem Nachwort schreibt, „natürlich bewusst, was es bedeutet, sich auf politisch korrekt und zivilreligiös-dogmatisch vermintem Gelände…zu bewegen“. „Finis Germania“, so heißt die Schrift, beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen, die Sieferle in seinen von den Linken durchaus goutierten Schriften wie „Epochenwechsel“ schon aufgegriffen hat. Hier sind sie lediglich verdichtet und auf den Punkt gebracht.

Für mich ist der folgende Satz der Schlüssel zum Verständnis von Sieferle:

„Welche Möglichkeit hat eigentlich Ikarus, wenn seine Flügel schmelzen und er in die Tiefe hinabstürzt? Er kann die Augen schließen und so lange schreien, bis die See ihn verschlingt. Er kann aber auch die Augen geöffnet halten und die erhabene Aussicht genießen, solange sie sich bietet.“

Sieferle hat den zweiten Weg gewählt. Er ähnelt darin Stefan Zweig, der in der „Welt von gestern“ gegen die Zerstörung Europas anschreibt, bevor sie von den Nazis und ihren zahlreichen Komplizen (Einschub: Genau müßte es heißen, von einer internationalen Verschwörer-Clique) ins Werk gesetzt wurde. Beide orientierten sich „am Horizont, über dem noch immer die Sonne Homers steht“, haben die Aussicht genossen, bis sie es nicht mehr ertragen konnten.

Beide hinterließen die Warnung, dass alles, „was uns heute noch lieb und teuer ist, in absehbarer Zeit verschwunden sein wird“ (Kolb).

Was die besondere Aufregung unserer „Eliten“ verursacht hat, ist sicherlich der Spiegel, den Sieferle ihnen vorgehalten hat.

Während früher die Welt von Aristokraten beherrscht wurde, die in der Regel immer auch Kulturträger waren, ist in Deutschland diese Aristokratie in den Umwälzungen von 1918, 1933 und 1945 vollständig verschwunden.

„Die neue Herrschaftskultur…trägt dagegen die Züge kleinbürgerlicher Unsicherheit…Man fragt sich allerdings, ob es hierzu wirkliche Alternativen gibt, oder ob diese stilistischen Greuel ebenso Preis der Massendemokratie sind, wie zum Massenkonsum eben auch die Verkehrsstaus, die grellen Supermärkte und die Müllberge gehören“.

Die heutigen „Eliten“ interessieren sich nicht mehr für die hohe Kultur, sie „begnügen sich mit Luxusvariationen durchaus vulgärer Konsumgenüsse: Sie fahren etwas größere Autos, wohnen in etwas größeren Häusern, fliegen zu etwas exklusiveren Urlaubszielen, behängen ihre Frauen mit etwas teureren Schmuckstücken und verwenden Zeit und Geld ansonsten vor allem dazu, sich weiter zu bereichern.“

So eine „Elite“ strahlt keinerlei Attraktivität aus. Es ist mehr oder weniger eine reich gewordene Politbürokratie, deren Physiognomie beispielhaft von Sieferle mit dem DDR-Politbüromitglied Harry Tisch verglichen wird, an den sich heute, bis auf wenige Spezialisten, niemand mehr erinnert. Sollten sie noch Zeit dazu haben, wird sich den Wasserträgern dieser „Eliten“ die gleiche Scham bemächtigen, die von den Unterstützern des SED-Regimes erfahren wurde, solch jämmerlichen Figuren gedient zu haben.

Fundamentales Merkmal der Deutschen, arbeitet Sieferle heraus, ist ihr „fundamentaler Sozialdemokratismus“, der Differenzen jeglicher Art für unerträglich hält. „Angleichung der Lebensverhältnisse“ ist die Formel dafür. Allerdings würde ich da differenzieren. Es gab ja einmal die Sozialdemokratie der bildungshungrigen Leistungswilligen, die durchaus mehr im Sinn hatten, als den Menschen zum Betreuungsobjekt und Leistungsempfänger zu degradieren. Aber die ist ebenso wie die Aristokratie im Orkus der Geschichte verschwunden.

Allen Gleichmachern zum Trotz ist die menschliche Existenz „nicht kosmisch stabil und identisch, sondern unter verschiedenen historischen und geografischen Umständen aufs höchste variabel“…“ Im Unterschied zu sämtlichen anderen Kulturen kann die Moderne den Gedanken fassen, dass sie nicht die einzig mögliche und legitime ist, sondern nur eine von vielen“. Die Vertreter der „Angleichung“ scheinen daraus den Schluss gezogen zu haben, dass die eigene Kultur verschwinden muss, weil sie die fortgeschrittenste ist. Angleichung der Lebensverhältnisse nach unten ist das unvermeidliche Resultat.

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