Der Esel des Messias

Die messianistischen Ultras stehen weder für Israel noch sprechen sie für das hebräische Volk. Im Gegenteil hat die Vergangenheit gezeigt, daß das Endzeitlager – je nach Stand der Prophetie – bereit ist, über das hebräische Volk und Israel Tod und Verderben zu bringen. Der Holocaust ist in den Augen der messianistischen Ultras nur das kleine Vorspiel für den viel größeren Holocaust: Das biblische Schlußszenario auf der zentralen Austragungsstätte des Vernichtungskampfes zwischen Gog und Magog im Heiligen Land – das dabei in Schutt und Asche gelegt werden soll.

Wolfgang Eggert schreibt darüber in seinem Buch: Erst Manhatten, dann Berlin:

Der israelische Publizist Seffi Rachlevsky, der mit seinem Buch „Der Esel des Messias – Säkulare Zionisten bahnen den Weg des Messias“ den Finger in die offene Wunde Chassidismus legt, erklärt, aus welcher Perspektive der Brudermord möglich wird:

Nach der Prophetie hält der Messias auf einem Esel im Heiligen Land Einzug. Diesen Esel identifizieren die auslegungsgewandten Talmudisten nun wieder mit dem jüdischen Volk. Was für die heutige Situation bedeutet, dass (zumindest) die weltlich orientierten Israelis für das Kommen des Heilands getreten und geschlagen werden dürfen, wenn sie sich als bockig erweisen. Der Mord an Jitzhak Rabin, der laut Rachlevsky ohne diesen theologischen Zusammenhang nicht zu verstehen sei, machte aus der Metapher blutigen Ernst.

„Rachlevsky“, schreibt Joseph Croitoru in dem Artikel Zeitplan für den Messias,

„verweist auf einen für das traditionelle Judentum typischen Verdrängungsmechanismus, der sich wie ein roter Faden durch die jüdische Geschichte zieht: Das durch periodisch wiederkehrende messianische Bewegungen heraufbeschworene Unheil wurde immer wieder verdrängt, und die destruktive Rolle, die manche Rabbiner dabei spielten, wurde verschwiegen. (Die Messianisten fühlen sich bestärkt) in ihrem Glauben, die Zukunft des jüdischen Volkes gehöre allein ihnen. Und diese ist für sie vor allem mit der herannahenden messianischen Endzeit verbunden, an deren Beginn nach kabbalistischer Auffassung das Volk Israel sich von der Herrschaft des „unreinen Mischvolks“ befreien wird, jenen satanischen Kräften, die auch als ungläubige Juden in Erscheinung treten können und die von den Gottesfürchtigen entweder bekehrt oder eben vernichtet werden müssen.“

„Wir zerstören uns selbst“

Die zuletzt immer häufiger und vehementer sich artikulierenden Ausfälle des rechten israelischen Establishments gegen das politische Europa spiegelt ganz folgerichtig den Schwenk des chassidischen Judentum: Heute wirkt nicht mehr allein deren traditionell in Sachen messianisch-politischer Betätigung zur Passivität aufrufende Fraktion (Satmaer Gemeinde, Neturei Karta) für die Isolierung bzw. Zerstörung Israels. Auch die Messias-Aktivisten geben jetzt die Losung aus, daß die Tage für Israel gezählt seien. Sie stellen sich damit gegen einen Staat, den sie selbst als tätige Zionisten ins Leben gerufen haben. Und sie tun das heute mit der gleichen (wenn auch nicht öffentlich kundgetanen) Begründung, mit der sie vor 60 Jahren für Zion eintraten: Es ist die biblische Prophetie, die ihnen das Handeln vorgibt. Netanjahu und Scharon, beide nach glaubwürdigen mosaischen Quellen aktive Schüler der chassidischen Jeschivas (und eben nicht des „normalen“ Rabbinats) arbeiten für diesen Zweck, indem sie Israel zum modernen Parias werden lassen.

Noch einmal zu der sich heute gefährlich verwischenden Unterscheidung im Chassidismus: Die Orthodoxen, die offen und eingestandenermaßen gegen Israel und seine Anhänger arbeiten, haben das schon immer getan, auch den ganzen zweiten Weltkrieg hindurch. Sie taten das, weil sie aufrichtig glauben, daß die prophetische Entwicklung nicht durch Menschenhand vorangetrieben werden kann und darf. Ihre Gegner von damals, die Aktivisten um Rabbi Kook und bedeutende Teile der Lubawitscher, marschieren heute – dabei immer noch dem vermeintlichen Determinismus „göttlicher“ Bestimmung folgend – in die gleiche Richtung. In den Reihen von Satmar verstand man den Holocaust als Gottesgericht über eine zutiefst teuflische Bewegung und erst die Vernichtung des auf den Ruinen von Auschwitz gründenden (und, so die Anklage, durch ihn profitierenden) Zionstaates wird das Kommen des Messias ermöglichen. Währenddessen reklamiert auf der anderen Seite das Aktivistenlager den Holocaust als selbstgewählten Opferungsprozess vor Gott, der als reinigende Fürbitte für den letzten Herabstieg des Messias nun im Heiligen Land wiederholt werden muß.

Der ungewöhnliche Schulterschluß der antagonistischsten und radikalsten Wirkkräfte des Chassidismus erscheint als sicheres Todesurteil für einen jüdischen Gottesstaat, der in nicht allzu großer Ferne zum Schauplatz von Armageddon werden soll.

Keine Rettung von Messianistischen Christen

Durch die radikalen christlichen Gruppen, die heute von Amerika aus das Heilige Land überfluten, dürfen sich die Israelis keine Rettung erwarten. Christliche Fundamentalisten arbeiten mit jeder Faser ihres Daseins für den Tag, an dem Jesus wiederkehren soll. Das Problem: Sie sind überzeugt, daß für die Rückkehr Christi zunächst einmal Armageddon zu passieren habe. In anderen Worten muß es einen Holocaust geben, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach Millionen von Menschen getötet werden.[250] Der Brennpunkt des Kampfes soll im Nahen Osten liegen. Und das ist nur ein Grund, warum die Aussichten des israelischen Fußvolks als rabenschwarz bezeichnet werden können.

Die Israel-Sicht der christlichen Rechten leitet sich hauptsächlich von einer zweischneidigen theologischen Perspektive her. Sie folgt einem klassischen anti-jüdischen Urteil und betrachtet das jüdische Volk als „spirituell blind“, weil es Jesus zurückgewiesen hat. Trotzdem nimmt sie an, daß die göttlichen Versprechen an die Juden – die zu segnen, welche die Juden segnen bzw. sie in ihr Land zurückzuführen – intakt bleiben. So wird auch die Existenz Israels als Beweis dafür angesehen, daß die biblischen Prophetien wahr werden – was eine Apokalypse ankündigt, in welcher die Juden entweder sterben oder Jesus akzeptieren. So wird Israel lediglich als Bestätigung einer fundamentalistischen christlichen Doktrin geliebt. Wie Jerry Falwell verkündet: „Der dramatischste Beweis für Seine bevorstehende Rückkehr ist die Wiedergeburt des Staates Israel.“

Juden beginnen die heraufziehende Gefahr zu spüren. So stellte Uri Avnery, der Führer der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom, als er die Theologie dieser angeblichen Freunde Israels beschrieb, fest:

„Entsprechend ihrem theologischen Glauben müssen sich die Juden in Palästina versammeln und einen jüdischen Staat auf seinem gesamten Gebiet errichten, um das zweite Kommen Jesus Christus zu ermöglichen. […] Die Evangelisten wollen sich über das, was danach kommt, nicht offen äußern: Vor dem Erscheinen (des Messias) müssen sich die Juden zum Christentum bekehren. Die, die das nicht tun, kommen in einem gigantischen Holocaust in der Schlacht von Armageddon um. Das ist grundsätzlich ein antisemitischer Lehrsatz…“

…nämlich dass alle Juden, die ihren Glauben an das Alte Testament beibehalten, getötet werden.

Als der Irakkrieg des Entrückungspräsidenten George W. Bush herannahte, nahm sich auch der größte amerikanische TV-Sender CBS des Themas an. Es folgt ein Auszug aus dem Beitrag, der im Oktober 2002 unter dem Titel „Zions Christliche Soldaten“ ausgestrahlt wurde:

Reporter SIMON: (Kommentierend) Der Schlußkampf in der Geschichte der Zukunft wird auf dem alten Schlachtfeld des nördlichen Israel ausgefochten werden, der Armageddon genannt wird. Dem sollen 7 Jahre des Trübsals nachfolgen [bzw. vorangehen, W.Eggert.], während der die Erde durch immense Schrecknisse erschüttert werden wird… Das Blut wird in Armageddon bis an das Zaumzeug eines Pferdes reichen, bevor Christus seine 1000jährige Regentschaft antritt. Und die Juden? Nun, zwei Drittel von ihnen werden von der Erde gewischt, während die Überlebenden am Ende Jesus Christus als den Messias anerkennen.

GERSHOM GORENBERG: Die Juden sterben oder konvertieren. Als Jude kann ich mich nicht sehr wohl dabei fühlen, Zuneigung von jemandem zu empfangen, der sich auf dieses Szenario freut.

SIMON: Gershom Gorenberg kennt dieses Szenario nur zu gut. Er ist der Autor von „The End of Days“, einem Buch über diese christlichen Evangeliker, welche die Bibel wörtlich nehmen.

GORENBERG: Die lieben das jüdische Volk eigentlich gar nicht. Sie lieben uns als Darsteller ihrer Geschichte, ihrem Schauspiel, und das sind wir nicht. Wir haben uns für diese Rolle nie beworben und das Stück ist keines, das ein Happy End für uns bereit hält.

SIMON: Es endet mit der Erlösung der Christen, also für diejenigen, die das Stück geschrieben haben, aber nicht für Sie.

GORENBERG: So ist es. Wenn Sie sich das Drama anhören, das sie vorschr…, das sie beschreiben, so ist das im Grunde ein Fünfakter, in dem die Juden im vierten Akt verschwinden.

Und zwar in einem Meer von Blut. Schreibt Gorenberg in seinem Artikel „Unorthodoxe Allianzen“:

Der Evangelist Chuck Missler teilte mir einst mit, daß Israel in den Vereinigten Staaten mehr Unterstützung von christlichen Fundamentalisten erhält, als durch „ethnische Juden“ – trotzdem hob er heraus, Auschwitz sei „lediglich ein Präludium“ zu dem gewesen, was die Juden in den kommenden letzten Tagen erwarte.

„Die Implikationen für Israel sind sehr ernst“, warnt Richard Landes, Direktor des „Center for Millennial Studies“ an der Universität Boston und Professor für Mittelalterliche Geschichte.

„Es gibt Fundamentalisten, die Israel sehr positiv gegenüberstehen, die aber gleichsam von der Tatsache sprechen, daß 2/3 des jüdischen Volkes in der Schlacht von Armageddon vernichtet werden wird, und daß dieses Szenario den Holocaust wie ein Picknick erscheinen lassen wird… Sicher, das sind nicht gerade die Dinge, welche sie Juden gerne direkt ins Gesicht sagen, aber Sie müssen nur ihre Bücher studieren, um diesen Zusammenhang zu entdecken.“

Recht offen geben sich in dieser Hinsicht die neutestamentarisch-fundamentalistischen Darbyiter, welche Seit an Seite mit chassidischen Wirrköpfen für die Sprengung des muslimischen Tempelbergs wirken. Dr. Lambert Dolphin, Physiker am Stanford Research Institute in Menlo Park/Kaliformien und einer ihrer Anführer, setzt sich stark für die „American Jerusalem Temple Foundation“ (AJTF) ein. Er macht keinen Hehl aus der Tatsache, daß der Abschluß des Tempelbauprogramms eine Menge Blut einfordern werde.

„Einige Sachen sind klar“, schreibt Dolphin. „Die sündige Menschheit kann sich einem heiligen Gott nicht ohne ein entsprechendes Opfer nähern. Das Vergießen von Blut ist daher nötig, um Sühne zu nehmen für das Böse im Menschen. Sogar vergebene Sünder bedürfen der Waschung und wiederholten Reinigung, damit sie die Gemeinschaft mit Ihrem Schöpfer genießen können.“

Es ist entbehrt nicht der Ironie, daß sich der Darbyismus Dolphin´scher Prägung, im Effekt als zutiefst antisemitisch erweist. Im Kern ihres gnostischen „Fügungs-Millenarismus“ findet sich der Glaube, daß die Vernichtung der Juden in dem durch den Wiederaufbau des Salomonischen Tempels angeschobenen Schlußkampf von Armageddon, eine biblische Vorbedingung für die zweite Ankunft des Messias sei. Pastor Chuck Smith, Dolphins Mentor von der Calvary Baptist Church, antwortete auf die Frage, ob er keine Bedenken dabei habe, einen Heiligen Krieg zu entfesseln, der zu einer möglichen Vernichtung von Millionen Juden und Muslimen führen könne, lakonisch: „Um offen zu sein, nein, weil all das Teil biblischer Prophetie ist.“

Clyde Lott, evangelikaler Züchter des apokalyptischen Roten Kalbs, bestätigt, daß die Absicht vieler rechter Christen, die Israel heute helfen, lediglich darin besteht, den Zeitpunkt zu beschleunigen, an dem sie in den Himmel entrückt werden und die Welt in Chaos und Flammen zurücklassen. „Es ist sehr traurig, aber ich würde sagen, daß das Interesse in der christlichen Welt darin besteht, den Tempel aus einer Antichristen-Perspektive heraus wieder erstehen zu lassen, für die Entrückung der Kirche, und das ist ein sehr egoistischer Standpunkt. Die gleichen Leute, die das vertreten, sind zugleich jene, die überaus semitische Gefühle vertreten.“

Fiktion als Staatsplan – Die Spitze will das Ende

Wie bereits angeklungen, verstehen viele Israelis die untergründige Motivation ihres christlichen Koalitionärs, und weigern sich dennoch, die explosive Partnerschaft aufzukündigen.

„Im Prinzip sind wir für die nur der Türvorleger zu ihrem eigenem eschatologischen Höhepunkt“, sagt Rabbi Richman. „Das ist schon eine recht beängstigende Angelegenheit. Wegen der in einigen Evangelikalenkreisen populären Entrückungssache, welche die Erfüllung der Leidenszeit Jakobs einfordert, liegt hier praktisch eine Einladung zum Genozid vor.“ Und trotzdem – obwohl er das weiß – wirft sich der Rabbi jenen in die Arme, die Israel in Rauch aufgehen lassen wollen. Warum? Weil Richman, der Lott bei dessen Genmanipulationen zur Seite stand, ebenfalls die Massenbeerdigung im Heiligen Land für notwendig hält. Natürlich nicht im Dienste des zweiten Erscheinens Christi, sondern als Vorspiel zum ersten Auftritt des jüdischen Meschiach.

Die Irren sitzen in beiden biblischen Lagern. Das eigentliche Problem ist, daß dieser Wahnsinn in den USA und in Israel die Spitze der vermeintlich säkularen Staatsführung infiziert hat. Heute sitzen in Washington und Jerusalem Männer an den Schalthebeln der Macht, welche die Weltanschauung und den Willen, sowie Macht und Mittel haben, die letzten Prophetien der Bibel Wirklichkeit werden zu lassen. Um die Herabkunft ihres jeweiligen Messias zu beschleunigen.

Der komplette Textauszug kann bei chronos-medie.de nachgelesen werden.

Beitragsbild: pixabay.com

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