„Das wohl kultivierteste Volk auf der Welt“

Das Kaiserreich kann nicht pauschal auf einen „Untertanen- und Militärstaat“ reduziert werden. Die 30jährige Regierungszeit des letzten Deutschen Kaisers bedarf eines differenzierteren Urteils. Eine andere Sicht auf die Zeit unter Wilhelm II. (Auszüge)

David Fromkin, Geschichtsprofessor an der Boston University, schrieb:

„Ein Porträt von dem Deutschland vor gut 100 Jahren wäre nicht vollständig, wenn man nicht seine hervorragende kulturelle und wissenschaftliche Stellung erwähnen würde. ‚Einsteins Deutschland‘, wie Fritz Stern es genannt hat, war bereit, die Welt in der Lehre und in den Wissenschaften anzuführen. Es brachte großartige Werke der Literatur und der Musik hervor. Deutsch war die Sprache der Wissenschaft. Wer sich Hoffnungen auf eine Karriere in der Philologie machte, in der Philosophie, der Soziologie oder den Naturwissenschaften, war gut beraten, eine deutsche Universität zu besuchen. Die Deutschen waren das wohl kultivierteste Volk auf der Welt.
(David Fromkin: Europas letzter Sommer. München 2005, S. 85f.)

(pixabay.com)

Neben den USA war es (Deutschland) bis vor dem Ersten Weltkrieg das dynamischste und modernste Land der Welt geworden: Seine Wirtschaft brummte, bald überholte sie die britische, vor allem die deutsche Wissenschaft genoss Weltruhm. Damals kamen die amerikanischen Studenten nach Deutschland, um zu studieren, nicht umgekehrt. Harvard kopierte die deutschen Vorbilder: Berlin, Heidelberg, Göttingen, Breslau. Es waren Namen, die klangen wie heute Yale, Stanford oder Princeton.
Niemand wurde in der Schweiz daher mehr bewundert als der deutsche Professor, der deutsche Ingenieur, der deutsche Unternehmer, aber auch der deutsche Offizier.“
(Markus Somm, Die Weltwoche (Zürich), 18.02.2010, S. 35)

Die Medienlandschaft des Kaiserreichs war von außergewöhnlicher Pluralität geprägt:
Um 1900 erschienen in Deutschland 1.200 Zeitungen, Magazine und Zeitschriften, darunter über 100 Tageszeitungen, 65 mit klar politischer Ausrichtung. Selbst während des Ersten Weltkrieges konnte beispielsweise die englische „Times“ in Berlin von jedermann gekauft werden.

Auch pflegte das Kaiserreich einen – für damalige Verhältnisse – großzügigen Umgang mit Minderheiten. Der renommierte britische Historiker Niall Ferguson kommt in seinem neuesten Werk zu dem Urteil:

„In der Tat litten die Juden im Kaiserreich unter keinerlei gesetzlicher Diskriminierung, und der Zugang zu Bildung und Berufsleben stand ihnen mindestens so weit offen wie anderswo in Europa.“
(Niall Ferguson: Krieg der Welt. Berlin 2006, S. 147).

Besonders die Universitäten des Kaiserreichs gehörten zu den modernsten wissenschaftlichen Einrichtungen der damaligen Welt. Von 1901 (erstmalige Verleihung des Nobelpreises) bis 1918 ging mehr als ein Drittel (insgesamt 21!) aller Nobelpreise für wissenschaftliche Arbeiten an Forscher aus dem deutschen Kaiserreich.

Albert Einstein in seinem Arbeitszimmer im Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin

Berlin galt als Weltzentrum der Physik. Max Planck holte 1914 Albert Einstein an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin, wo er 1915 die allgemeine Relativitätstheorie veröffentlichte. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, vor allem in der Grundlagenforschung, hatten deutsche Forscher alle anderen Länder überflügelt.
Namen wie Emil Behring und Paul Ehrlich (Medizin), Max Planck und Albert Einstein (Physik) oder Otto Hahn (Chemie) stehen stellvertretend für eine „Nation im Rausch der Erkenntnis“. Studienaufenthalte in Deutschland waren international begehrt – in manchen naturwissenschaftlichen Fächern waren bis zu 30% der Studenten aus dem Ausland. Besonders intensiv war der Wissensaustausch mit den USA, wo Forschung und Lehre sowie die Organisationsstruktur deutscher Hochschulen zum Vorbild genommen wurden. Deutsch galt als weltweite Wissenschaftssprache.

Die Grundlage dieser Erfolge waren in erster Linie die hervorragenden institutionellen Rahmenbedingungen sowie die bahnbrechende Aufbauarbeit des „Bismarck des Hochschulwesens“, Ministerialdirektor Friedrich Theodor Althoff. Er konnte sich während seines jahrzehntelangen Wirkens (1882-1907) stets größter Sympathie und Rückhalts bei Wilhelm II. sicher sein. Der wissenschaftsbegeisterte Kaiser hatte zweifellos die Zeichen der Zeit erkannt und forderte von Anfang ein praxisnahes und zeitgemäßes Bildungswesen:
„Wir stehen an der Schwelle der Entfaltung neuer Kräfte. Das neue Jahrhundert wird bestimmt durch die Wissenschaft, inbegriffen die Technik, und nicht wie das vorige durch die Philosophie. Dem müssen wir entsprechen.“

Nobelpreis für Chemie
1902: Emil Fischer
1905: Adolf von Baeyer
1907: Eduard Buchner
1909: Wilhelm Oswald
1910: Otto Wallach
1915: Richard Willstätter
1918: Fritz Haber

Nobelpreis für Physik
1901: Wilhelm Conrad Röntgen
1905: Philipp von Lenard
1909: Ferdinand Braun
1911: Wilhelm Wien
1914: Max von Laue
1918: Max Planck

Nobelpreis für Physiologie oder Medizin
1901: Emil von Behring
1905: Robert Koch
1908: Paul Ehrlich
1910: Albrecht Kossel

Nobelpreis für Literatur
1902: Theodor Mommsen
1908: Rudolf Eucken
1910: Paul Heyse
1912: Gerhart Hauptmann
(1929: Thomas Mann für die von 1897-1900 verfaßten „Buddenbrooks“)

Das „System Althoff“ beruhte auf gezielter Auswahl und Förderung von wissenschaftlichen Talenten, der geschickten Bündelung unterschiedlichster Interessen (Industrie, Professoren, Staat) und der Unterstützung durch den Monarchen. Die Anstrengungen Althoffs finden ihren Höhepunkt in der Gründung der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“ (KWG, Sitz in Berlin-Dahlem) im Jahre 1911, zwei Jahre nach Althoffs Tod. Genau drei Monate vorher hatte Kaiser Wilhelm II. aufgerufen, unter kaiserlichem „Protektorat und Namen eine Gesellschaft zu gründen, die sich die Errichtung und Erhaltung von Forschungsinstituten zur Aufgabe stellt“.

Diese Institution beruht auf dem – damals revolutionären – Ansatz einer Forschungsvereinigung, die größtenteils durch privates Mäzenatentum aus der Industrie mit teilweiser Unterstützung des Staates finanziert wird: eine Forschungseinrichtung völlig neuen Zuschnitts, die keine Verpflichtung zur Lehre kennt und außerhalb der Universitäten spezialisierte, meist um eine Koryphäe ihres Faches gebaute, Institute umfaßt (z.B. Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, Leitung: Otto Hahn, Doyen der deutschen Kernphysik. Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, Leitung ab 1917: Albert Einstein).
Gemeinsames Ziel dieses „deutschen Oxfords“ war es, der heimischen Wissenschaft eine Spitzenposition in der Welt zu verschaffen.
Erster Präsident der KWG war der Theologe Adolf von Harnack, ebenfalls ein Vertrauter des Kaisers (ihm folgte 1930 Max Planck).
1946 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft aufgelöst und zwei Jahre später unter dem Namen „Max-Planck-Gesellschaft“ wiedergegründet. Aus keiner anderen Institution gingen bis heute mehr Nobelpreisträger hervor.

Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit: Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne

Kaum ein anderer Herrscher der Neuzeit ist in einem so verheerenden Ausmaß Opfer oberflächlicher Journalisierung (Ernst Jünger) geworden wie Kaiser Wilhelm II. Der Fehl- und Vorurteile sind Legion, und es ist hohe Zeit, Wilhelm II. aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Der Historiker Eberhard Straub, ein hervorragender Kenner der Belle Epoque, erinnert an die vergessene innenpolitischen Leistungen des letzten deutschen Kaisers.

Die Verbreitung der technischen Wissenschaften galt dem Kaiser als „vornehmste landesherrliche Pflicht“. Der Monarch agierte als Brücke zwischen den traditionellen Elementen des Reiches (Heer, Beamtentum, Altpreußen, Junkeradel) und den wissenschaftlichen–technischen Neuerungen der Zeit. Es gelang – trotz der ihm oft zugeschriebenen Unstetigkeit und Oberflächlichkeit – eine insgesamt fruchtbare Symbiose von Alt und Neu.

Der Kaiser verfügte über „ein durchaus profiliertes und für sich stehendes bildungs-, hochschul- und wissenschaftspolitisches Engagement, dessen Spannweite und Intensität von keinem anderen zeitgenössischen Monarchen gehalten wurde. Auf diesem Gebiet waren die kaiserlichen Impulse effektiv, produktiv und teilweise außerordentlich innovativ“.
(Frank-Lothar Kroll: Preußens Herrscher. München 2000, S. 303)

Bisweilen erreichten diese Impulse sogar die Grenzen der damals bekannten Welt: In den Jahren 1901-1903 finanzierte der Kaiser die erste deutsche Südpolexpedition unter der Leitung des Geographen Dagobert von Drygalski mit 1,2 Millionen Goldmark. Das dabei erkundete arktische Territorium (Februar 1902) wurde konsequenterweise „Kaiser-Wilhelm-II.-Land“ genannt, (87°3′ Ost und 91° 54′ West), heute ist es Teil des australischen Antarktis-Gebietes. Eine zweite deutsche Expedition (1911/1912), die die Durchquerung des „weißen Kontinents“ zum Ziel hatte, scheiterte.

Deutsch-amerikanische Seeverbindung

Generell war die deutsche Präsenz auf den Weltmeeren in der wilhelminischen Epoche von überragender Bedeutung: Nicht nur eine starke Flotte, sondern gerade auch die weltweite Handelsschiffahrt waren Voraussetzung für „Weltgeltung“ des Landes.

Regelmäßig abgehende Dampfschiffe verbanden die deutschen Häfen mit den entlegensten Ecken der Welt und wurden neben Eisenbahntrassen und Telefonleitungen zu den Lebensadern einer bemerkenswerten internationalen Arbeitsteilung.

“Die beiden großen deutschen Reedereien, der Norddeutsche Llyod (NDL) in Bremen und die Hamburg-Amerikanische Pacetfahrt-Actiengesellschaft (HAPAG) in Hamburg, gehörten zu den weltweit größten Schiffahrtsunternehmen. Als der amerikanische Bankier J.P. Morgan nach der Jahrhundertwende mit seinen Plänen für einen großen Schiffahrtskonzern deren Selbständigkeit zu bedrohen schien, rief dies den Kaiser auf den Plan, der auf ein von ausländischen Einflüssen unabhängiges Reedereigeschäft Wert legte.“
(Wolfgang König: Wilhelm II. und die Moderne. Paderborn 2007, S. 45)

Einer, der die Zeichen der Zeit erkannte und eindrucksvoll nutzte, war der jüdische Hamburger Reeder und dynamische Vorzeige-Unternehmer par excellence Albert Ballin (1855-1918), der – aus einfachen Verhältnissen kommend – aus der HAPAG die größte Reederei der Welt machte.

Die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Kaiserreichs schuf breiten Wohlstand. Dieses – in der Retrospektive – „goldene Zeitalter“ fand erst mit der Katastrophe des Ersten Weltkrieges ein jähes, aber keineswegs zwangsläufiges Ende.

Der Brite Niall Ferguson meint: „Ganz sicher kann man heute nicht mehr die Ansicht vertreten (wie es Marxisten lange getan haben), der Erste Weltkrieg sei die Folge einer Krise des Kapitalismus gewesen, denn er beendete im Gegenteil eine Periode außergewöhnlicher globaler Wirtschaftsintegration, mit relativ starkem Wachstum und niedriger Inflation.“
(Niall Ferguson: Krieg der Welt. Berlin 2006, S. 15)

1904 hielt Kaiser Wilhelm II. eine Betrachtung mit dem Titel „Deutsch sein ist das“ mit seinen persönlichen Ansichten zum vorbildlichen Verhalten eines Deutschen (der Text stammt aus dem Roman „Das Schweigen im Walde“ von Ludwig Ganghofer und hing auch im Arbeitskabinet des Kaisers, Faksimile siehe Abb.).

Dabei besprach er eine Edison-Walze. Sie stellt das älteste politische Tondokument überhaupt dar, die erste aufgezeichnete Rede eines Politikers in der Geschichte!

Die Aufnahme ist erhalten geblieben und kann hier angehört werden.

Hier kann die vollständige Seite nachgelesen werden:

Deutschlands großer Sprung nach vorn

Das vergessene Goldene Zeitalter:
Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur im Deutschen Kaiserreich

Jüdisches Bürgertum. Frau, Familie und Identität im Kaiserreich (Studien zur Jüdischen Geschichte)

Dieses Standardwerk der Historikerin Marion Kaplan, 1991 erschienen unter dem Titel »The Making of the Jewish Middle Class«, zeigt eine bisher vernachlässigte, überraschende Sicht auf die Geschichte der deutschen Juden. Es ist den jüdischen Frauen der Jahre zwischen 1871 und 1918 gewidmet. Aus einer Vielzahl von historischen Quellen, Romanen, Lebenserinnerungen, Briefen, Interviews und statistischem Material gelingt es der Autorin, ein historisches Panorama zu destillieren, mit dem Ziel, die Frauen in das Zentrum der Darstellung der jüdischen Geschichte und der Geschichte des Bürgertums zu rücken.
Kaplan geht von der These aus, daß die Entstehung des jüdischen Bürgertums in Deutschland in hohem Maß die Leistung jüdischer Frauen war. Durch Kindererziehung und die Kultivierung der Häuslichkeit paßten die Frauen die jüdische Familie an die Normen der bürgerlichen Kultur an. Gleichzeitig aber bewahrten sie im Kern der Familie jüdische Traditionen – sei es durch persönliche Frömmigkeit, koschere Küche oder die Gestaltung der Feiertage. Eine wichtige Rolle spielten Frauen auch bei der Bewahrung des Judentums durch Ehestiftung zwischen Juden und durch die Förderung des sozialen Zusammenhalts der oft über mehrere Länder verteilten Großfamilien. Auf der anderen Seite waren jüdische Frauen in vielen Bereichen Pionierinnen des modernen Lebens. Sie wohnten am Ende des Kaiserreichs überwiegend in Großstädten, hatten ihre Kinderzahl durch Geburtenkontrolle beschränkt und besaßen ein weit überdurchschnittliches Bildungsniveau. Unter den ersten Gymnasiastinnen, Studentinnen und Akademikerinnen waren jüdische Frauen überproportional vertreten. Sie eroberten sich durch Sozialarbeit und durch ihr Engagement in der Frauenbewegung einen Platz im öffentlichen Leben.
Inhalt: Teil I: Frauen als Schöpferinnen bürgerlicher Kultur
1) Bürgerliche Respektabilität: Eine Familienaufgabe
2) Judentum als Häusliche Kultur. Religion und Deutsch-jüdische Ethnizität
3) Geld oder Liebe? Jüdische Heiratsstrategien
4) Freizeit als Arbeit
Teil II: Jüdische Frauen bestimmen ihre Aufgaben neu 5) Jüdische Frauen an der Universität 6) Dopppelte Hürden und doppelte Bürden: Frauenerwerbstätigkeit

 

(Beitragsfoto: https://www.mdm.de)

(Visited 136 times, 1 visits today)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*