Angriff auf unsere Freiheit

Bestseller-Autor Harald Welzer legt mit »Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit« eine neue und frische Analyse der großen gesellschaftlichen Zusammenhänge in Deutschland vor, eine umfassende Diagnose der Gegenwart für alle politisch Interessierten.
Unsere Gesellschaft verändert sich radikal, aber fast unsichtbar. Wir steuern auf einen Totalitarismus zu. Das Private verschwindet, die Macht des Geldes wächst ebenso wie die Ungleichheit, wir kaufen immer mehr und zerstören damit die Grundlage unseres Lebens. Statt die Chance der Freiheit zu nutzen, die historisch hart und bitter erkämpft wurde, werden wir zu Konsum-Zombies, die sich alle Selbstbestimmung durch eine machtbesessene Industrie abnehmen lässt, deren Lieblingswort »smart« ist.
Was heißt das für unsere Gesellschaft? Nach seinem Bestseller »Selbst denken« analysiert Harald Welzer in »Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit«, wie die scheinbar unverbundenen Themen von Big Data über Digitalisierung, Personalisierung, Internet der Dinge, Drohnen bis Klimawandel zusammenhängen. Daraus folgt: Zuschauen ist keine Haltung. Es ist höchste Zeit für Gegenwehr, wenn man die Freiheit erhalten will!

Insgesamt sieht Harald Welzer acht Übergangszonen ins Totalitäre:

  • Die erste Übergangszone ist eine Welt des Hyperkonsums: Das Kaufen von Produkten und Dienstleistungen im Netz ist das Tor zur Transparenz. Jeder Klick fügt dem Überwachungsuniversum eine weitere Information hinzu, die zu gegebener Zeit zu jedem beliebigen Zweck genutzt werden kann. Erste Hilfe: Nichts mehr im Internet kaufen.
  • Die zweite Übergangszone ist die Ausweitung des Marktes auf jede zwischenmenschliche Interaktion: Niemals zuvor in der Geschichte des Kapitalismus gab es diesen metastasengleichen Übergriff des Marktwirtschaftlichen auf nahezu alle gesellschaftlichen Lebensbereiche. Als Beispiel aus der Share-Oconomy nennt Harald Welzer das Übernachtungsportal „Airbnb“, das Unterkünfte von lokalen Gastgebern in mehr als 191 Ländern vermietet. Was also früher eine kostenlose Sozialleistung unter Freunden war, wird vermarktet und der Monetarisierung zugeführt. Erste Hilfe: Dinge kostenlos teilen.
  • Die dritte Übergangszone ist die Vereinzelung der Individuen durch Pseudogemeinschaften in der virtuellen Welt: Inzwischen leben fast 40 Prozent der Menschen in Deutschland in Singlehaushalten. Die zunehmende Isolierung, Getrenntheit und Vereinsamung wird von vielen Singles aber nicht so empfunden, weil sie ja durch soziale Netzwerke, Foren, Singlebörsen und Computerspiele miteinander verbunden sind, allerdings nur noch digital, nicht analog. Erste Hilfe: Mehr analoge Freunde treffen.
  • Die vierte Übergangszone ist die Kontrolle aller digitalen Aktivitäten: Alles was wir mailen, über soziale Netzwerke posten, über Kaufportale erwerben, über Google suchen, kurz alles, was wir im Internet tun, hinterlässt digitale Spuren, die zusammengenommen ein lückenloses Portrait unseres Selbst ergeben. Erste Hilfe: Browsererweiterungen installieren, die die Personalisierung verhindern.
  • Die fünfte Übergangszone ist eine Welt, wo demokratische Entscheidungsprozesse durch Netzabstimmungen abgelöst werden sollen: Internetgiganten wie Facebook, Google und Amazon haben kein Interesse an politischen Richtlinien und gesetzlichen Bestimmungen. Sie empfinden Politik als etwas grundsätzlich Störendes, was durch Bürgerbeteilung im Netz abgelöst werden sollte. Erste Hilfe: Handeln Sie politisch und verklagen Sie die Internetgiganten, wie beispielsweise Maximilian Schrems Facebook wegen mangelnden Datenschutz verklagt hat und vor dem Europäischen Gerichtshof Recht bekommen hat.
  • Die sechste Übergangszone ist eine Welt, wo individuelle Lebenslagen zum unausweichlichen Schicksal erklärt werden: Eine Schweizer Studie kommt zu dem Ergebnis, dass lediglich 147 Konzerne die Weltwirtschaft kontrollieren. Besonders Banken und Finanzunternehmen stehen mit ihrem Einfluss ganz weit vorne. Angesichts der zunehmenden Macht der Wirtschaft und der zunehmenden Ohnmacht der Politik, die hilflos zuschaut, wie immer mehr Arbeitsplätze zu Niedriglohn- und Minijobs werden, bekommen immer mehr Menschen den Eindruck, dass ihr Schicksal alternativlos ist. Die Digitalisierung führt zu mehr Automatisierung und damit zu Massenentlassungen in der Arbeitswelt. Die Menschen, die noch einen gut bezahlten Job haben, leisten Überstunden und nehmen weniger Krankheitstage, um den Job zu behalten. Erste Hilfe: Machen Sie sich selbstständig.
  • Die siebte Übergangszone ist eine Welt der Bewertungen: Nichts kann man im Netz posten, ohne dass es einer Bewertung unterzogen wird. Das geht harmlos auf Facebook los mit „gefällt mir“ und endet in Hass-Parolen, Shitstorms und Cypermobbing. Wo alles dem binären Urteil unterworfen wird, von dem Komfort einer Urlaubsreise über die Qualität eines Buches bis hin zu den Einzelqualitäten eines potentiellen Beziehungspartners, gehen alle qualitativen Unterschiede und die Zonen der eigenen Erfahrung verloren. Inzwischen kennt jeder die Geschichten von Menschen, deren soziale Existenz durch Internethetze zerstört worden ist. Erste Hilfe: Bewerten Sie sachlich und nur dann, wenn Sie fachlich kompetent sind.
  • Die achte Übergangszone ist eine Welt der Überwachung: Durch die Transparenz genannte Überwachung im Namen der öffentlichen Sicherheit verschwindet die Privatheit. Überall sind Kameras, alle Internet-Kommunikation wird überwacht. Erste Hilfe: Gehen Sie öfter in die Natur.

„Wir haben eine Form von Überwachung und Verlust von Privatheit, … die so etwas wie eine Schutzlosigkeit von uns allen mit sich bringt, weil es Instanzen gibt, die mehr über uns wissen als wir selbst. Mit diesem Wissen kann man unheimlich viel anfangen. Das entspricht zwar überhaupt nicht unserem Bild von Diktatur – da hat man immer Leute in Uniform im Sinn, man hat Gewalt vor Augen, aber nicht so etwas wie eine nette Konsumgesellschaft, in der man ständig neue Angebote bekommt. Der zugrunde liegende Effekt ist aber der gleiche: dass beide Systeme – die klassische Diktatur und das, was ich smarte Diktatur nenne – genau am selben Punkt ansetzen, nämlich am Individuum, an seiner möglichst hohen Transparenz und an seiner Steuerbarkeit.“

Somit sind wir nach Harald Welzer auf dem Weg in eine totalitäre, geheimnislose, aseptische Transparenzhölle, die Freiheit, Gleichheit und demokratische Rechtssicherheit gefährdet.

(Quelle: Auszug aus „Die Digitalisierung der Gesellschaft: Fluch oder Segen?“ von Oliver Bartsch auf sein.de)

Titelfoto: pixabay.com

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